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Wenn Nachbarn wieder aufeinander aufpassen

Geschichten wie jene von Anton Riegler und seiner jungen Nachbarin sind Beispiele für eine Caring Community. Bei diesem Konzept geht es um Nachbarn, die aufeinander aufpassen und sich umeinander kümmern – um soziale Strukturen als Ressource. Es sind alltägliche Gesten: vom freundlichen Wort bis zur kleinen Erledigung.

Bisher wird das Konzept der Caring Community meist gemeinsam mit Pflege gedacht, als Vorzeigemodell gilt das niederländische Projekt Buurtzorg (siehe Infokasten unten). Der Grund: Durch die immer älter werdende Gesellschaft wird es in Zukunft nicht mehr möglich sein, den Pflege- und Betreuungsbedarf allein durch professionelle Dienste abzudecken.

Oft reicht es schon aus, aufmerksam zu sein. Etwa darauf zu achten, ob die alte Frau in der Wohnung gegenüber jeden Tag die Rollläden hochzieht oder ob sie einkaufen geht – so wie kürzlich in der Steiermark geschehen. Dort hat der Verkäufer einer Straßenzeitung bemerkt, dass eine 96-jährige Frau nicht wie jeden Tag in den Supermarkt gekommen ist.

Die Not sehen

Manchmal heißt Caring Community auch, den Stolz außen vor zu lassen und „selbst der bösen Nachbarin eine Suppe zu kochen, wenn sie krank ist“, gibt Schuchter ein weiteres Beispiel. Oder sich um den Hund des Nachbarn zu kümmern, wenn dieser ins Krankenhaus muss.

Und: Nicht nur alte Menschen können einsam oder in schwierigen Situationen sein, auch Alleinerzieherinnen, chronisch Kranke oder junge Mütter. Schuchter erzählt von einem konkreten Fall: Wird ein Kind geboren, kommen viele Menschen, um zu gratulieren.

Was Wegleitner und Schuchter in ihrer Arbeit feststellen: Oft sind es nicht Familie, Freunde oder Selbsthilfegruppen, mit denen man sich ehrlich austauscht, sondern die Friseurin, der Briefträger, die Hausbesorgerin oder der Taxifahrer. Diese Menschen merken auch, wenn etwas nicht stimmt.

„Es geht darum, die Zeichen zu lesen“, sagt Schuchter – und um das Ausbalancieren von Nähe und Distanz: „Nachbar sein ist eine Kunst.“ Denn diese Beziehungen sind oft auch ambivalent. Es soll über bloßes „Tratschen“ hinausgehen, gleichzeitig können zu viel Nähe und Einblick zu sozialer Kontrolle führen, durch die Menschen unter Druck geraten. Nach dem Motto: Was werden denn die Nachbarn sagen?

„Viele fragen sich, ob sie sich einmischen dürfen“, sagt Schuchter, und Wegleitner weiß: „Niemand will Intimitätsgrenzen überschreiten.“ Caring-Community-Projekte sollen den Menschen helfen, mutiger zu werden und „Nachbarn anzusprechen, die eventuell in schwierigen Lebenssituationen sind“, so Wegleitner.

Dazu kommt: „Für viele Menschen gibt es eine Barriere, überhaupt Hilfe anzunehmen“, sagt Ronald Pelikan vom Roten Kreuz Groß-Enzersdorf in Niederösterreich.

Veränderte Kultur des Miteinander

Beide Regionen liegen in der Nähe großer Städte – in solchen Lagen gibt es meist ähnliche Probleme: „Sie werden nur als Schlafstätten genutzt, die Bewohner pendeln und partizipieren nicht am Dorfleben, die Infrastruktur vor Ort stirbt“, sagt Schuchter. Doch die Älteren bleiben zurück, und gleichzeitig „verschwinden Gasthäuser, Geschäfte und somit Orte öffentlicher Begegnung: Die soziale Beziehungsinfrastruktur wird weniger“, so Wegleitner.

Hinzu kommt die Zunahme von Single-Haushalten. „Und häufig leben die Kinder nicht mehr in der Nähe“, weiß auch Projektleiterin Monika Wild vom Generalsekretariat des Österreichischen Roten Kreuzes.

Mit Scham verbunden

Brauchen Menschen dann Hilfe, kommt sie meist in professioneller Form. Doch die Hauskrankenpflege sei eng getaktet, weiß Schuchter: „Es geht dabei nur um Handwerkliches und kaum um Kontakte und Gespräche.“ Meist sei das nur ein Abarbeiten von Tätigkeiten, weiß auch Wild.

Doch die Caring Community geht über diese Zusammenarbeit hinaus, es geht um eine veränderte Kultur des Miteinanders. „Das ist noch fundamentaler“, sagt Wegleitner. Auch weil professionelle Dienste lange nicht alle Menschen in existenziellen Notlagen erreichen, sondern diese oft im Kontakt mit Freunden, Familienmitgliedern und Nachbarn stattfinden.

https://www.derstandard.at/story/2000107329726/sich-um-die-nachbarn-kuemmernprofessionellen-pflegediensten-und-sich-kuemmernden-mitbuergern

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